The (Hi)Story of the USA

Course 172.4G552E International Literature I VHS Essen Wed., 9-11.20am I Dates: 4.09.2016 – 21.06.2017

Suggested Texts and Topics

Students may choose texts and topics they are interested in from the list below or make their own suggestions. We usually prepare one story or short excerpt (12-15 pages) at home. Class time is devoted entirely to discussion, with the exception of a 10-minute snack break at about 10.15. A reader will be provided at the beginning of the semester. Additional material (pictures, film scenes, podcasts, comics, worksheets etc.) is used during each session in order to broaden students’ vocabulary and contextualise the texts given.

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Damon Galgut, The Good Doctor (Lesson Plan 2)

In post-apartheid Cape Town or Johannesburg one may find the highest standards of medical care. In the small rural hospital in a poverty-stricken former homeland the very opposite is true. Doctors work with little equipment, without professionally trained nurses and without the slightest hope of ever changing the situation. Frank Eloff has long given up on the idea of improving things in this desolate place, but newcomer Laurence Waters is determined to make a difference. If this make him a “good doctor” – or at least a “better doctor” than his colleague – is one of the questions the novel raises during the following chapters. To begin at the beginning, here are a few suggestions for an introductory session on Chapter 1 and 2.

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Frau Müller muss weg

Am 15. Januar 2015 startete Sönke Wortmanns Verfilmung „Frau Müller muss weg“ in den deutschen Kinos. Die 2010 in Dresden uraufgeführte Komödie von Lutz Hübner wurde am 7. Januar 2015 auch im Essener Rathaustheater gespielt, mit Claudia Rieschel als engagierte Grundschullehrerin und Gerit Kling, Wolfgang Seidenberg, Iris Boss, Katrin Filzen und Thomas Martin in der Rolle überbesorgter Eltern.

Ironischerweise gibt es zu Beginn des Elternabends an der Grundschule Blumen für die langjährige Klassenlehrerin, bevor die Eltern Frau Müller auffordern die Leitung der vierten Klasse abzugeben. Der elterliche Vorwurf, der Lehrerin fehle ein pädagogisches Konzept, wird im Folgenden schnell als fadenscheiniger Vorwand entlarvt. Als Frau Müller die Sitzung zeitweise verstört verlässt, kauern die Eltern weiter auf den viel zu kleinen Stühlchen hinter den Pulten ihrer Kinder und erweisen sich als Aufrührer ohne Augenmaß, Schleimer, Mitläufer, Hysteriker oder kühl kalkulierende Strategen, die das Lebensglück des eigenen Kindes mit der Gymnasialempfehlung gleichsetzen:

"Wer den falschen Schultypus erwischt, kann einpacken, ist aussortiert und kommt nicht mehr hoch. Das ist der Albtraum aller Eltern und dagegen wird gekämpft, mit allen Mitteln, über und auch gern unter der Gürtellinie. Sachlichkeit und Objektivität spielen keine Rolle, es geht schließlich um alles: um das eigene Kind. Das Wohl des Kindes ist die natürliche Grenze von Toleranz, Multikulturalismus, sozialer Verantwortung und eines Wertesystems, das auf dem kategorischen Imperativ fußt."
Lutz Hübner: Warum Frau Müller weg muss, Programmheft, S. 4

Entsprechend vorhersehbar ist der grundlegende Meinungsumschwung unter den Eltern, als sie glauben, Frau Müller könnte aufgrund allzu nachsichtiger Notengebung ihren Kindern doch noch den Weg ins gelobte Land, also ins Gymnasium, ebnen. Auch die Stereotypen, mit denen das Stück spielt, überraschen nicht: Da gibt es Eltern, die die Modenamen ihrer Kinder nicht aussprechen können, so dass Janine als „Schahnien“ durchs Leben gehen muss, Eltern, die Aggressivität und schlechte Leistungen mit Hochbegabung verwechseln und Eltern, die akribisch die Hausaufgaben ihrer Kinder erledigen, ohne dass diese selbst dabei auch nur in Sichtweite wären. Zuschauer werden in diesem leichten Boulevardstück also viel Bekanntes entdecken, dass sie mit einem zustimmenden Kopfnicken quittieren können. Zwar hätte der Komödie insgesamt etwas mehr Wortwitz nicht geschadet, aber das Ensemble des Tourneetheaters unter der Regie von Kay Neumann hat das Stück professionell im Wechsel von lauten und leisen Tönen umgesetzt. Persönlich gefällt mir diese Art der Inszenierung besser als der vordergründige, derbe Humor, den der Trailer zum Kinofilm „Frau Müller muss weg“ mit Anke Engelke verspricht.

Außerdem lesenswert:

Gnade für die Pauker. Wie Eltern mit ihrem Ehrgeiz Lehrer und Schulleitung lähmen. Ein Erfahrungsbericht von Jörg Lau.

Karmen Heup

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Illustration:

Magnus Enckell, Kansakoulu (Grundschule), 1899


 

Eine Neujahrs-Novelle aus Dänemark

Für manche geht der Jahresanfang einher mit ausgelassenen Partys und Familientreffen, für andere bedeutet er ruhige, gemütliche Wintertage. Wer den Blick zurückschweifen lassen möchte, findet in Blichers 1824 entstandener Novelle „Bruchstücke aus dem Tagebuch eines Dorfküsters“ ein nachdenkliches kleines (Tage)Büchlein für einen stillen Leseabend.

Die Geschichte beginnt am 1. Januar 1708 im dänischen Jütland: „Gott schenke uns Allen ein glückliches Neues Jahr! und beschütze unsern guten Herrn Søren! er löschte gestern abend das Licht, und Mutter sagt, er lebt nicht bis zum nächsten Neujahr“ (S. 7). So schreibt der fünfzehnjährige Morten in sein Tagebuch. Die Sorge um Pfarrer Søren entspringt einem alten Aberglauben, dass derjenige sterben werde, der an Silvester das Licht löscht. Unerwarteterweise erfüllt sich ein Jahr später die böse Vorahnung. Mit dem Tod des Pfarrers enden die Latein- und Griechischstunden, die Mortens bisheriger Lebensmittelpunkt waren. Als kurz darauf auch sein Vater stirbt, muss er den Traum, selbst einmal Pfarrer zu werden endgültig aufgeben und sich seinen Unterhalt verdienen. Jens, der ungestüme Pfarrerssohn, der schon zu Lebzeiten seines Vaters immer lieber mit der Büchse die Gegend durchstreifte als sich dem Studium alter Sprachen zu widmen und sich inzwischen bei einem Gutsherrn in Thiele als Jäger verdingt, verschafft Morten dort eine Anstellung als Diener.

Mit dem neuen Lebensabschnitt ändert sich Mortens Sprache. Liebte er es früher, seine Tagebucheinträge mit lateinischen Versatzstücken zu versehen, so lernt er jetzt mit Eifer Französisch und schreibt Sätze wie „Ein plaisantes Wetter! Die Sonne geht rot wie brennende Glut auf! Es sieht recht curieux aus, wenn sie so durch die weißen Bäume scheint“ (S. 21). Grund für diese Wandlung ist Mortens leidenschaftliche Verehrung des schönen Fräulein Sophie. Obwohl die flatterhafte Tochter des Gutsherrn für ihn unerreichbar bleibt, kann Morten sie nicht vergessen. Selbst als ihn eine Reise mit Junker Kersten nach Kopenhagen führt, sie von schwedischen Kaperern angegriffen werden und Pest und Pocken die herrschaftliche Familie bedrohen, kreisen Mortens Gedanken meist um Sophie: „sie ist genauso munter und vive wie vorher, eher mehr; aber trotzdem ab und an so etwas wie hoffärtig. Manchchmal spricht sie mit mir wie zu einem Bettelburschen, und machmal, als wäre ich ihresgleichen. Ich glaube fast, sie will mich zum besten halten – ich armer Kerl! Ich bin noch nicht klug geworden, denn sie kann mich froh und traurig machen, wie sie will.“ (S. 43).

Eine dritte Lebensphase beginnt, als Morten erkennt, dass sich das oberflächliche gnädige Fräulein für seinen Freund, den wilden „Teufels-Jens oder […] Mägde-Jens“ (S. 14) interessiert. Er verlässt das Gut, gerät in schwedische Kriegsgefangenschaft und schlägt sich in Sibirien als Jäger durch. Jahrzehnte gehen ins Land, bis Morten in die Heimat zurückkehrt und in seinen „letzten Winterhafen“ (S. 66) einläuft. Er blickt zurück auf sein Leben und auf ein zufälliges Wiedersehen mit Jens und Sophie, das ihn sehr erschüttert hat. In Thiele fühlt er sich einsam: „Jetzt ist meine Seele dunkel wie die Heide, wenn der Winterschnee weggetaut ist“ (S. 68). Halt und Zuversicht gibt ihm jedoch sein Glaube. Daher ist es nun die Bibel, aus der Zitate in Mortens letzte Tagebuchnotizen einfließen, welche die unspektakuläre Lebensgeschichte eines Mannes beschließen, der bescheiden in der Kirche seiner Kindheit den Küsterdienst versieht: „Die Gnade aber des Herrn währet von Ewigkeit zu Ewigkeit.’“ (S. 69).

BlicherPortraitDie Novellen von Steen Steensen Blicher (1782-1848), dem Pfarrer in der jütländischen Heide, gehören heute zum klassischen Kanon dänischer Literatur. Seine „Bruchstücke aus dem Tagebuch eines Dorfküsters“ ergeben in wenigen Worten ein kleines gesellschaftliches Mosaik des 19. Jahrhunderts und das zeitlose Bild eines Individuums auf Sinnsuche. Der Text ist im Projekt Gutenberg vollständig abrufbar, aber für interessierte Leser empfiehlt sich eine annotierte Buchausgabe.  

K. Heup

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Textnachweis:

Steen Steensen Blicher, Bruchstücke aus dem Tagebuch eines Dorfküsters. Hg. v. Walter Boehlich. Berlin: Friedenauer Presse, 1993

 

Illustrationen:

Eifler Dorfkreuz, 27.12.14. Foto: Heup

”’Steen Steensen Blicher”’ (11. oktober 1782 – 26. marts 1848), dansk præst og forfatter. Image from/fra da:J. P. Trap: berømte danske mænd og kvinder, 1868


Stille Nacht in den Schützengräben 1914

Der amerikanische Historiker Stanley Weintraub spürt in seinem Buch „Silent Night. The Remarkable Christmas Truce of 1994“ den Ereignissen an Weihnachten 1914 nach, als aus umkämpften Kriegsschauplätzen für kurze Zeit Orte des Friedens wurden.

You no shoot, we no shoot!

Weihnachten ohne Waffen, nur wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Es klingt wie ein moderner Mythos, dass verfeindete Soldaten am Heiligabend 1914 eine gemeinsame „Stille Nacht“ in europäischen Schützengräben erlebt haben sollen. Die Chancen für eine Feuerpause standen denkbar schlecht, nachdem nicht nur in Flandern und Frankreich die Kämpfe erbittert geführt und zwischen August und Dezember 1914 bereits hunderttausende junger Männer getötet, verwundet oder vermisst gemeldet worden waren. Einigkeit schien zwischen den politischen und militärischen Führern nur darin zu bestehen, dass die von Papst Benedikt XV vorgeschlagene Waffenruhe unmöglich sei.

Und doch geschah, was Weintraub im ersten Kapitel „An Outbreak of Peace“ nennt. Desillusioniert, ausgelaugt und zermürbt von der grausamen Realität des tagtäglichen Tötens und dem winterlichen Dauerregen, der die Schlachtfelder in nasskalte Schlammwüsten verwandelt hatte, sehnten sich viele Soldaten an der Westfront nach ein wenig Menschlichkeit inmitten eines unmenschlichen Krieges. Weintraub zitiert in diesem Zusammenhang den deutschen Maler Otto Dix, der seine Kriegserfahrungen so zusammenfasste: „lice, rats, barbed wire, fleas, shells, bombs, underground caves, corpses, blood, liquor, mice, cats, artillery, filth, bullets, mortars, fire, steel: that’s what war is. It is the work of the devil.’“1

In dieser Situation bemühte man sich von offizieller Seite um eine Stärkung der Truppenmoral. Über zwei Millionen englische „Princess Mary boxes“ und zahlreiche deutsche „Liebesgaben“ wurden an die Front transportiert. Diese Weihnachtspakete bescherten den Soldaten Tabakwaren und Süßigkeiten, aber vor allem die Sehnsucht nach einer baldigen Heimkehr, deren Verwirklichung nach den ersten Kriegsmonaten in weite Ferne gerückt war.

PrincessMaryBox
2.166.008 Geschenkboxen mit dem Konterfei von Princess Mary wurden 1914 an die Front geschickt.

Weintraubs Beschreibung des Weihnachtsfriedens 1914 liest sich fesselnd, denn der Historiker erzählt Geschichte in erster Linie in sehr persönlichen Geschichten. Seine akribische Recherche beschränkt sich nicht allein auf Zahlen, Daten und Fakten, sondern verweist auch auf (teils unzensierte) Briefe, Tagebuchnotizen, Zeitungsartikel, Reden und Protokolle, die zeigen, wie Soldaten und Offiziere ungläubig-staunend, freudig oder ablehnend reagierten, als die ersten nicht autorisierten und individuell organisierten Gefechtspausen in Kraft traten, die mit Hilfe von Transparenten, weißen Flaggen, Lichtern oder Liedern eingeleitet und oft zwischen den feindlichen Truppen per Handschlag als „’you no shoot, we no shoot’ day“2 besiegelt worden waren.

Der Weihnachtsfrieden 1914 zwischen Fakt und Fiktion

In Weintraubs Darstellung fließen auch fiktionale Texte, Cartoons und TV-Szenen ein, die die emotionale Seite des Weihnachtsfriedens und deren Aufarbeitung verdeutlichen. Ein bekanntes deutsches Beispiel ist das Kinderbuch „Mein Urgroßvater, die Helden und ich“ von James Krüss. Der erzählfreudige Urgroßvater, selbst Kriegsteilnehmer, bezieht mit dem „Lied vom braven Soldaten“ eindeutig Position gegen Obrigkeitshörigkeit und eine Propaganda, die den Ehrentod für Gott und Vaterland verherrlicht. In der letzten Strophe heißt es daher:

Du armer Herr Soldat,

Nun bist du mausetot,

Doch schuld ist deine Bravheit nur

Und nicht der liebe Gott!“3

Der kleine Boy wundert sich zunächst über die Ansichten seines Urgroßvaters, wird doch in seiner Lesebuchgeschichte „Weihnachten im Niemandsland“ der Obergefreite Manfred Korn gefeiert, der, einer Eingebung folgend, in den „blutgetränkten Fluren Frankreichs“4 den algerischen Truppen den Stern von Bethlehem bringt, „ungeachtet der Kugeln, welche ihn umpfiffen und derer keine ihn wunderbarerweise traf.“5 Der Urgroßvater karikiert diesen „Schmachtfetzen von einer Geschichte“6 mit seiner eigenen Erzählung vom rasenden Marzipanbäcker Alfred Kornitzke, der – durch den Dauerbeschuss an vorderster Front an seinen Festvorbereitungen für die Soldaten gehindert – mit Kochmütze, wehender Schürze und Weihnachtsbaum wütend auf die feindlichen Linien zustürmt und dabei ausruft: „Weihnachten is Weihnachten und Marzipan is Marzipan. Ick lass mir det nich von euch vermiesen. Da schieb ick jetzt ‘n Riegel oder vielmehr ‘n Tannenboom vor!“7

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Offiziere und Soldaten der 26. Division beim Fußballspiel an Weihnachten 1915

Eine englische Kurzgeschichte, die Weintraub ebenfalls den tatsächlichen Geschehnissen gegenüberstellt, ist Robert Graves’ „Christmas Truce“. Graves’ Schilderung eines friedlichen Fußballspiels zwischen deutschen und alliierten Truppen am ersten Weihnachtstag, nachdem der Boden im Niemandsland durch den nächtlichen Frost gefroren war, hält Weintraub auf der Grundlage von Zeitzeugenberichten für weitgehend realistisch, auch wenn die Heeresführungen derartige Verbrüderungen vehement dementierten und allenfalls Fußballspiele in den eigenen Reihen hinter der Front einräumten.

Rückblickend steht für Weintraub fest, dass der spontane Waffenstillstand an Weihnachten lange zu Unrecht als unwichtige Fußnote der Geschichte abgetan wurde. Er sieht ihn als „moving manifestation of the absurdities of war“8. In Abwandlung dessen lässt sich sagen: Weintraub ist ein bewegendes Buch gelungen, in dem sich die Absurdität des Krieges ebenso manifestiert wie die Notwendigkeit Zensur, Propaganda und einseitiger Geschichtsschreibung entgegenzutreten. Sehr empfehlenswert!

K. Heup


Literatur:

1) Stanley Weintraub, Silent Night. The Remarkable Christmas Truce 1914. London, Simon & Schuster, 2001, 2 [„Läuse, Ratten, Drahtverhau, Flöhe, Granaten, Bomben, Höhlen, Leichen, Blut, Schnaps, Mäuse, Katzen, Gase, Kanonen, Dreck, Kugeln, Mörser, Feuer, Stahl, das ist der Krieg, alles Teufelswerk.“]

2) Weintraub, 28

3) James Krüss, Mein Urgroßvater, die Helden und ich. Eine kurz gefasste Heldenkunde in Versen und Geschichten, erfunden und erzählt in mehreren Speicherzimmern von meinem Urgroßvater und mir. Säuberlich niedergeschrieben zu Unterhaltung und Belehrung für Kinder und Familien von James Krüss. Hamburg: Oetinger, 2009, 144 [Altersempfehlung des Verlags: ab 10 J.]

4) Krüss, 148

5) Krüss, 149

6) Krüss, 147

7) Krüss, 153

8) Weintraub, 199

Illustrationen:

Bernard Meninsky, The Arrival Art, 1918. HMSO has declared that the expiry of Crown Copyrights applies worldwide.

Princess Mary’s Christmas gift tin presented to the British Troops in France, Christmas 1914. Foto: Heup, 2014, Tower of London.

Officers and men of 26th Divisional Ammunition Train playing football in Salonika, Greece on Christmas day 1915, 25. Dezember 1915. This is photograph Q 31576 from the collections of the Imperial War Museums. HMSO has declared that the expiry of Crown Copyrights applies worldwide.


David Nicholls: Drei auf Reisen

Im Herbst 2014 erschien David Nicholls‘ Roman „Us” in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Drei auf Reisen“ im Kein & Aber Verlag. Die „Drei“ – das sind Douglas Petersen, seine Frau Connie und ihr gemeinsamer Sohn Albie.

Biochemiker Douglas Petersen ist ein Mann, die sich in nur drei Worten beschreiben lässt: ein netter Kerl. Er ist konservativ bis spießig, aber bestens organisiert; in emotionalen Belangen unbeholfen, aber bemüht. Die Ankündigung seiner Frau, dass sie mit dem Gedanken spiele ihn zu verlassen, verunsichert ihn zutiefst. Unsicher ist er auch in ästhetischen Fragen, in denen er glaubt, anders als seine Frau und sein Sohn, nicht auf die eigene Intuition vertrauen zu können.

Künstlerin und Freidenkerin Connie, leidenschaftlich und chaotisch, begegnet Douglas beim ersten Kennenlernen als geduldige und einfühlsame Zuhörerin. Seine wissenschaftlich motivierte Fruchtfliegen-Faszination nimmt sie mit Humor und macht Fliege Bruce zu ihrem ersten gemeinsamen „Haustier“. Die Gegensätzlichkeit der beiden bleibt trotzdem offenkundig und nach 20 gemeinsamen Jahren stellt Connie sich nicht zum ersten Mal die Frage, was sie und ihren Mann eigentlich verbindet.

Sohn Albie, der kurz vor dem Schulabschluss steht und später Fotografie studieren will, sieht sich selbst ganz in der Rolle des vom Vater missverstandenen und missachteten Rebellen. Sein Verhalten ist schlicht spätpubertär, denn noch steckt Albie voll jugendlichem Egoismus, Überlegenheitsgefühl und Drang nach Anderssein.

Die Beziehungsgeschichte der Drei wird aus Sicht von Ehemann und Vater Douglas in kurzen Rückblenden erzählt. Hier zeigt sich Nicholls Routine als Drehbuchautor, denn die Mikro-Kapitel, die meist nur wenige Absätze lang sind, machen das Buch zu einer einfachen und schnellen Lektüre. Zu einer einfachen und seichten Lektüre wird der Roman hingegen, weil Nicholls am Ende die Krise zwischen den Eheleuten und den Konflikt zwischen Vater und Sohn durch einen doppelten Griff in die Kitsch-Kiste löst: Zum einen lässt er das Schicksal eingreifen, um in einer lebensbedrohlichen Situation eine Annäherung zwischen Douglas und Albie herbeizuführen. Zum anderen verwandelt er die Entfremdung der Eheleute, die Douglas lange quält und die realistischerweise vor allem Verletzungen und Einsamkeit bedeutet hätte, in ein reines Pseudo-Problem. Ob die Ehepartner sich schließlich trennen, soll hier nicht verraten werden. Es ist im Grunde auch unwichtig, denn Nicholls interessiert sich schlussendlich weniger für die Psychologie seiner Figuren als dafür, seinen Lesern eine Welt zu entwerfen, in der sich alles zur Zufriedenheit aller regelt. In drei Worten: Kitsch bleibt Kitsch.

Die Idee zum Buch, das muss man Nicholls allerdings zugutehalten, ist originell. Statt Familientherapie entscheiden sich die Petersens nämlich für den Antritt einer bereits länger geplanten Reise. Das Ganze soll eine moderne Abwandlung einer „Grand Tour“ durch Europa  werden, um dem Sohn französische, flämische, deutsche und italienische Meisterwerke nahezubringen. Ursprünglich traten eine solche Bildungsreise vor allem junge Männer aus der Oberschicht im 18. und 19. Jahrhundert an, um ihren Horizont zu erweitern und sich fernab elterlicher Kontrolle auszuleben. Prominentestes britisches Beispiel ist sicherlich Lord Byron.

Wright-An Experiment on a Bird in an Air PumpDie Gemälde, die die Petersens betrachten, hätten für die Familienmitglieder einen sehr guten Hintergrund abgeben können, um über sich und die anderen nachzudenken, Bekanntes zu hinterfragen und neue Perspektiven zu eröffnen. Leider bleiben die Museen jedoch nur Kulisse und die Gemälde nur Staffage. In der Danksagung am Ende nennt Nicholls Wikipedia und Google Maps als „große Hilfe”. Genauso liest sich das Buch dann leider auch, wobei manche Wikipedia-Einträge zu den genannten Orten und Gemälden sicherlich spannender und lehrreicher sind als die spärlichen Beschreibungen, die der Roman bietet. Ein Beispiel ist „Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe“ des englischen Malers Joseph Wright of Derby, über das es im Roman nur heißt, es sei „ein Gemälde aus der Aufklärung, das einen Mann zeigt, der einen Kakadu erstickt; ziemlich makaber, aber zumindest verschmolz es wirkungsvoll unsere [Douglas’ und Connies] Interessen an Kunst beziehungsweise Wissenschaft.“ (S. 164). Da Nicholls sich generell auf solch knappe und oberflächliche Randnotizen beschränkt, vergibt er die Gelegenheit dem Roman Tiefe zu verleihen. Schade also, dass die intelligente Idee für dieses Buch einer eher trivialen Geschichte weichen musste, die sich wahrscheinlich gut verkaufen, aber nicht als Grand Literat(o)ur in Erinnerung bleiben wird.

Karmen Heup

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Rezensionsexemplar:

David Nicholls, Drei auf Reisen. (Berlin, Kein & Aber, 2014)

Illustrationen:

Robert Delaunay, Air, fer et eau, étude. 1937

Joseph Wright of Derby, An Experiment on a Bird in an Air Pump, 1768


Zum 80. Todestag von Joachim Ringelnatz

Am 17. November 2014 erinnern wir an Joachim Ringelnatz (1883 – 1934), den deutschen Kabarettisten, Sprachjongleur und Nonsense-Dichter. Die Liste der (Berufs)Bezeichnungen des Hans Bötticher, der unter verschiedenen Pseudonymen etwa 2.500 Gedichte verfasste, könnte man fast beliebig verlängern. Lehrerschreck, Leichtmatrose und Lebenskünstler gehören zweifellos dazu.

E-Book für Ringelnatz-Einsteiger

Robert Gernhardt (1937 – 2006), der ebenfalls mit Vorliebe humoristische Gedichte verfasste, stellte als erklärter Ringelnatz-Bewunderer unter dem Titel „Warten auf den Bumerang“ ein kleines, 92 Seiten dünnes Bändchen mit seinen Lieblingsgedichten zusammen, in denen Ringelnatz „Belachbares, Besinnliches, Bedenkenswertes, Bedenkliches und Bedenkenloses“ (S. 91) zum Besten gibt. Darunter sind bekannte Texte, die sich bis heute in vielen Schulbüchern finden, wie zum Beispiel „Die Ameisen“, deren Reiselust dann doch nicht bis Australien reicht, und der „Bumerang“, der leider etwas zu lang geraten war. Ringelnatz-Fans kennen sicher auch die angeberischer Badewanne, die sich für das Mittelmeer hält („Die Badewanne prahlte sehr“), das Suahelischnurrbarthaar, das sich in die Nordsee verirrte („Logik“) oder die mitleidigen Zeilen über den Sauerampfer, der nicht reisen kann („Arm Kräutchen“).

Ringelnatz-CoverZu den nicht immer ganz jugendfreien Klassikern im Ringelnatz-Repertoire zählen die Texte rund um den trinkfesten Matrosen Kuttel Daddeldu, der in jedem Hafen eine Geliebte hat, die nicht seine Braut ist. Als „Europapa“ (S. 26) trägt er entsprechend zum Bevölkerungswachstum bei („Kuttel Daddeldu und die Kinder“), woran aber möglicherweise auch der Pfarrer nicht ganz unschuldig ist („Die Geburtenzahl“) oder die generell wenig vorbildhaften deutschen Eltern („An Berliner Kinder”). Anstößiges und Lästerliches steht hier also neben harmlosen, kindlich-komischen Versen, die sich durch Sprachwitz und Absurdität auszeichnen.

Das Ganze wird mit vier Zeichnungen von Gernhardt illustriert, der ebenfalls das Titelbild gestaltet hat. Der Rotwein des vor sich hin dümpelnden Matrosen auf dem Cover findet sich übrigens auf allen Bildern, auch wenn in der bunt gemischten Textsammlung sonst kein roter Faden erkennbar ist. Quellennachweise fehlen leider, aber als Einstieg in Ringelnatz’ Welt der Reime werden erwachsene Leser ihren Spaß an diesem Bändchen haben.

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Illustrationen:

Ringelnatz-Portrait (vor 1925), bearbeitet

Titelbild ‘Warten auf den Bumerang’ (mit freundlicher Genehmigung des Verlags)

Text:

Joachim Ringelnatz, Warten auf den Bumerang. Gedichte ausgewählt und illustriert von Robert Gernhardt (Berlin, ebook Insel Verlag, 2012)


Anna Kareninas kleine japanische Schwester

“Welt”-Literaturpreis für Haruki Murakami

Am 7. November 2014 erhält Haruki Murakami in Berlin den mit 10.000 Euro dotierten “Welt”-Literaturpreis. Damit reiht sich der am 12. Januar 1949 in Kyoto geborene japanische Schriftsteller in die Gruppe von Preisträgern der Tageszeitung “Die Welt” ein, zu der bereits Jonathan Franzen (2013), Zeruya Shalev (2012), Albert Ostermaier (2011), Claude Lanzmann (2010), Philip Roth (2009), Hans Keilson (2008), Daniel Kehlmann (2007), Rüdiger Safranski (2006), Yasmina Réza (2005), Amos Oz (2004), Jeffrey Eugenides (2003), Leon de Winter (2002), Pat Barker (2001), Imre Kertész (2000) und Bernhard Schlink (1999) gehören.1

In der Laudatio wird Murakami unter anderem als Meister des magischen Realismus gefeiert, der “die Seelenzustände japanischer Großstadtbewohner wie selbstverständlich ins Übersinnliche transzendiert”2. Dieses Erzählprinzip findet sich auch in Murakamis Erzählung “Schlaf”, die der Dumont Verlag 2009 als eigenständigen Band mit Bildern von Kat Menschik herausbrachte.

Murakamis realistisch-fantastische Erzählung “Schlaf”

Schlaflosigkeit ist ein Zustand, mit dem die Ich-Erzählerin vertraut ist. Schon als Studentin durchlitt sie eine Phase, während der lang anhaltender Schlafentzug ihre Wahrnehmung trübte und sie gleichsam in einen Strudel hüllte, der sie ihrem eigenen Körper und der Welt um sie herum entfremdete:

Wie bei einer Wasserleiche war jede Empfindung aus meinem Körper gewichen. Alles war dumpf und trübe. Der Zustand, in dem ich in dieser Welt lebte und existierte, war wie eine vage Halluzination. [...] Wenn es Abend wurde, überkam mich eine erbarmungslose Wachheit. Ich war vollkommen ausgeliefert. Eine große Macht fesselte mich an ihren Grund.3  

Jahre später, als aus der jungen Literaturstudentin eine inzwischen dreißigjährige Zahnarztgattin geworden ist, deren Leben in geregelten Bahnen verläuft, bricht plötzlich eine neue Zeit des Nicht-schlafen-Könnens an. Portrait of Gao Yong's Wife1886Auslöser ist ein Albtraum: Die namenlose Erzählerin glaubt, einen alten Mann an ihrem Bett zu sehen, der ihre Füße mit Wasser überschüttet. Nach diesem verstörenden Traum durchwacht sie 17 Tage und Nächte.

Die Zeit ohne Schlaf hat jedoch nichts mit der quälenden Schlaflosigkeit von einst zu tun. Sie kommt vielmehr einer inneren Befreiung gleich: So entdeckt die Erzählerin ihre Liebe zum Lesen wieder, die im Alltag der Ehefrau, Hausfrau und Mutter eines kleinen Sohnes unmerklich in Vergessenheit geraten war, und auch ihre Lust auf Schokolade, die sie sich versagte, weil ihr Mann sie missbilligt. Sie genießt die Stunden, die nur ihr gehören, schwimmt mit neuer Energie und liest fasziniert von Tolstois Anna Karenina, die im Russland des 19. Jahrhunderts in einer leidenschaftslosen Ehe gefangen ist. Daneben ‘funktioniert’ sie weiterhin für ihren Mann und ihren Sohn, die mit ihr mittags über Zahnsteinentfernung und abends über Schularbeiten sprechen.

Ich kaufte pflichtgemäß ein, kochte, putzte und spielte mit meinem Sohn. Ich schlief pflichtgemäß mit meinem Mann. Erst einmal daran gewöhnt, war es gar nicht weiter schwierig. Im Gegenteil, es war einfach. Ich brauchte nur die Verbindung zwischen Kopf und Körper zu kappen. [...] Niemand bemerkte, dass ich mich verändert hatte. Dass ich ganz und gar aufgehört hatte zu schlafen, dass ich unentwegt Bücher las, dass sich mein Kopf mehrere hundert Jahre und mehrere tausend Kilometer von der Realität entfernt hatte.4  

Der Roman “Anna Karenina” wird für sie zum Anlass, um über sich und ihre Familie nachzudenken. Sie erkennt, dass die Fantasielosigkeit ihres Mannes und ihres Sohnes sie immer trennen werden, dass sie sich nach Freiheit sehnt und nach Antworten sucht auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Dasein nach dem Tod. Dabei verschwimmen Traumbilder und Wirklichkeit in zunehmend bedrohlicher Weise. Das offene Ende der Erzählung liefert keine Antworten. Der Leser bleibt zurück mit dem Gefühl, dass der Schlüssel zur Beantwortung existenzieller Fragen mitunter zum Greifen nah scheinen mag und doch unerreichbar bleibt, dass Sicherheit eine Illusion ist und jederzeit Schatten aus dem Dunkel auftauchen können, um unser vertrautes Selbst- und Weltbild gewaltsam umzustürzen.

Kat Menschiks surreale Illustrationen

Murakamis kryptische, aber in einfacher Sprache erzählte Geschichte wurde von Kat Menschik eindrucksvoll illustriert. Vor nachtblauem Hintergrund heben sich surreale, teils holzschnittartige Bilder in Weiß und Silber ab, die die Grundstimmung des Textes verstärken und im Stil an eine Graphic Novel erinnern. Wer das Buch öffnet, sollte sich Zeit nehmen, um Nachtfalter, Quallen, Papierflieger und Zeppeline zu betrachten, die über die Seiten schweben, und den Leser wortlos zum Innehalten auffordern.

K. Heup

→ Leseprobe

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Anmerkungen:

1 Vgl.: Richard Kämmerlings, Haruki Murakami erhält “Welt”-Literaturpreis 2014, 3. 10.2014

2 Ibid.

3 Haruki Murakami, Schlaf. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Mit Illustrationen von Kat Menschik. Köln: Dumont, 2009, S. 7

4 Ibid., S. 51f

(“Schlaf” erschien ursprünglich in deutscher Übersetzung in Haruki Murakami, Der Elefant verschwindet. Erzählungen. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2003, S. 79 – 130)

Illustration:

Portrait of Gao Yong’s Wife‘, ink on paper by Ren Yi (1840-1896), 1886, Honolulu Academy of Arts


“Was liest du?” mit Jochen Malmsheimer

Es ist Halloween. Fröhliche Monster und feierfreudige Untote bevölkern die Straßen, beäugt mit steinernem Fledermausblick. Daneben schaut von der Fassade des Kölner Metropoltheaters ein Narr und Possenspieler auf die Besucher vor dem Theatereingang herab, die an diesem Abend auf knochenbleiche Schminke und Kunstblut verzichtet haben. Statt Gruselshow & Gänsehaut wartet auf sie nämlich eine Neuauflage der Lach- & Lesesendung “Was liest du?” von und mit Jürgen von der Lippe. Die Wiederaufnahme des bekannten Konzepts in zwei Sondersendungen kommentiert von der Lippe gewohnt ironisch: „Ich bin begeistert, dass der WDR dieses erzieherisch wertvolle und unterhaltsame kleine Format noch einmal aufleben lässt, zumal Schönheit und Jugend des Moderators gegenüber Witz und Buchwissen nachrangig sind”.

Metropoltheater-Fassadendetail1Wie üblich wird der Gast des Abends, der gemeinsam mit von der Lippe aus Büchern vergleichsweise unbekannter Autoren liest, ohne große Umschweife vorgestellt: Jochen Malmsheimer sei einer der wenigen Kabarettisten, dem – so von der Lippe – mit einem seiner humorigen Texte ein Eintrag in die deutsche Wikipedia gelungen sei – und zwar in der Kategorie Wurstbrot*.

(*Auf Youtube ist Malmsheimers Schimpfrede gegen das Sandwich bzw. den kulinarischen “Komposthaufen” unter dem Titel ‘Früher war alles besser’ übrigens für alle verfügbar, die schon immer von den Vorzügen urdeutschen Brotbelags überzeugt waren und denen das Thema nicht Wurst ist.) 😉

Zum Auftakt der Sendung gibt es zunächst ein wenig “Flohmarktpädagogik” für Anfänger. In der Kurzgeschichte aus Horst Evers Band “Wäre ich du, würde ich mich lieben” zieht ein Vater mit seiner Tochter los, um der Kleinen die väterliche Überlegenheit beim Feilschen um die besten Schnäppchen zu demonstrieren. Die Rechnung hat der Vater dabei allerdings ohne die resolut-renitente und rotzfreche Verkäuferin gemacht, der er am ersten Stand gegenübersteht und die sich in keinster Weise um seine sorgsam zurechtgelegten Verhandlungsstrategien schert. Die Geschichte ist lustig, gewinnt aber vor allem durch den Vortrag der Bühnenprofis von der Lippe und Malmsheimer. Zur Hochform laufen beide auf, als sie danach aus “Der Christkindlesmarkt in Nürnberg” lesen. Zwischen weihnachtlichem Tand und Scharen asiatischer Touristen grölt hier – nach dem Genuss von reichlich Glühwein – eine Gruppe Senioren zotige, aber originelle Verballhornungen deutscher Weihnachtslieder.

Weiter geht es mit “Klolektüre”, also Texten für zwischendurch, wie Florian Meimbergs Auf die Länge kommt es an: Tiny Tales. Sehr kurze Geschichten”. Er kommt mit maximal 140 Zeichen pro Text aus, was einer Twitter-Nachricht entsprechen würde. In dieselbe Rubrik gehört iDoof, youDoof, wiiDoof: Facebook-Autisten, Vampirbücher, Model-Mamas und alles andere, über das wir uns dringend lustig machen müssen” aus dem Ullstein Verlag, das als Spaß-Lexikon konzipiert ist. Hier wird allerdings doch die eine oder andere olle Kamelle präsentiert, besonders unter den Anmachsprüchen. Die dürfte vom Teenie bis zur Omi wirklich jedes weibliche Wesen schon einmal gehört haben, aber das Publikum bleibt bestens gelaunt, denn alle Textauszüge werden sehr pointiert vorgetragen und sind so kurz, dass kaum Zeit fürs Stirnrunzeln bleibt.

Von der Lippes erklärtes Lieblingsbuch ist “Gott bewahre” von John Niven. In der tabulosen Satire wird JC (Jesus Christus) von Gott dazu verdonnert, noch einmal auf die Erde zurückzukehren, um die Menschen an das oberste Gebot (“Seid lieb!”) zu erinnern. Der göttliche Spross ist verständlicherweise alles andere als begeistert und gerät gleich mit seinen Aposteln in einen blasphemischen Streit darüber, wessen Kreuzigung denn nun die grausamste gewesen sei…

Insgesamt setzen Jürgen von der Lippe und Jochen Malmsheimer mit der neuen “Was liest du?”-Folge also erneut auf einen bewährten Mix von Humor, der manchmal zahm und oft zotig, selten hintersinnig und häufig kackfrech ist. Für alle, die die Aufzeichnung nicht gesehen haben und neugierig sind: Ausstrahlungsdatum ist der 6. Dezember 2014.

Herzlichen Dank an die Redaktion des gleichnamigen Leseforums Was liest du? für die Einladung zur Sendung.


Mit Hermann Hesse durch den Herbst

Der deutsche Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse (1877-1962) hat nicht wenige Gedichte, Briefe und Romanauszüge über die Jahreszeit hinterlassen, die für Wandel, Abschied, Vergänglichkeit und Verfall steht. Ulrike Anders hat Hesses im Suhrkamp Verlag erschienene „Sämtliche Werke“ durchforstet und mit „Herbst“ ein Kaleidoskop dessen erstellt, was den Schriftsteller am Nachsommer faszinierte. Da ist die Rede von langen Spaziergängen durch die Natur, von der Magie der Farben im Herbstwald, dem Duft des Weins, Kindheitserinnerungen an “Knabenstunden mit Schmetterlingsnetz und Botanisierbüchse”1. Der beginnende Frost bringt eine Sehnsucht nach dem sonnigen Italien, aber auch ein Gefühl der „Ofenbehaglichkeit“2 im Zimmer, dessen liebevolle Einrichtung den Sommer über unbeachtet geblieben war.

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Imtiaz Dharker: Ein Jahrhundert später

Eine literarische Auseinandersetzung mit dem Schicksal von Malala Yousafzai, Friedensnobelpreisträgerin 2014

Am 10. Oktober 2014 richtete sich die Aufmerksamkeit der Medien schlaglichtartig auf die Rechte von Kindern in aller Welt, nachdem das Nobelpreiskomitee in Oslo bekannt gegeben hatte, dass sich die pakistanische Schülerin Malala Yousafzai und der indische Kinderrechtsaktivist Kailash Satyarthi den Friedensnobelpreis teilen. Das Schicksal Malalas hatte bereits 2012 für weltweite Schlagzeilen gesorgt, als extremistische Taliban in ihrem Heimatort einen Schulbus stürmten, um an ihr ein Exempel zu statuieren. Die damals fünfzehnjährige Malala, die sich offen über ein Verbot von Schulbildung für Mädchen hinweggesetzt hatte, sollte zur Abschreckung für andere durch gezielte Schüsse in den Kopf hingerichtet werden. Der Plan der Terroristen misslang, denn Malala überlebte schwer verletzt und wurde zur Symbolfigur für die Gleichberechtigung von Mädchen. Ihre Popularität nutzte sie nach ihrer Genesung, um weiter öffentlich für ihr Anliegen einzutreten: das Recht jedes Kindes auf Bildung.

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Herbstliches Wortspiel von Minette Walters

Der Lese-Tipp zum Herbstbeginn: Minette Walters ‘English Autumn – American Fall’ ist eine ultrakurze Crime Story für alle, die neben dem Verbrechen das Spiel mit Sprache lieben. Die beiden Synonyme im Titel spiegeln die Ausgangssituation: Ein kalter englischer Herbst – ein (k)altes amerikanisches Ehepaar im Herbst des Lebens. Nachdem die Newbergs ihr Hotelzimmer bezogen haben, geben sie ihrem Umfeld Rätsel auf. Wieso haben sie angeblich den Sonnenstaat Florida verlassen, um im Oktober Urlaub im stürmischen und regnerischen Lincolnshire zu machen? Wieso ist Frau Newberg so übertrieben bemüht den Schein zu wahren, obwohl ihr Mann offenbar trinkt und sie schlägt? Das Homonym „fall“, das je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutungen haben kann, deutet bereits vorab an, wie es weitergeht… 


Illustration:

Albert Bierstadt, Autumn Woods, 1886

Textnachweis:

Minette Walters, “English Autumn – American Fall”, in Crime from the Mind of a Woman. A Collection of Women Crime Writers of the Century. Ed. by Elizabeth George (London: Hodder and Stoughton, 2002), 548

 

Das Schweigen der Engländer

Typisch deutsch, typisch englisch!? Nationale Unterschiede können ein Minenfeld sein, ein Stereotypen-Dschungel, ein Parcours de force der Fettnäpfchen und Klischees – es sei denn, man widmet sich dem Thema mit einem (selbst)ironischen Augenzwinkern.

Deutsche und Engländer

Als Neil Deane am 16. Juli in Essen sein Buch „Modern Germany. An outsider’s view from the inside“ vorstellte, durfte der Engländer bei seinen Zuhörern auf freundliche Nachsicht und auch ein wenig Mitleid hoffen. Ein waschechter Brite, den es mitten in den „Ruhrpott“ verschlägt, hat es wahrlich nicht leicht, außer vielleicht an Tagen, an denen Dortmund und Schalke Heimspiele bestreiten und ausgeflippte Fußballfans und Hooligans so etwas wie Heimatgefühle aufkommen lassen. Ansonsten aber, dass muss man zugeben, können einem die Deutschen das Leben wirklich schwer machen. Es wundert also nicht, wenn morgens „a grumpy and unkempt Englishman“ auf dem Beifahrersitz hockt, nachdem ihn seine pflichtbewusste deutsche WG-Mitbewohnerin mitten in der Nacht aus dem Bett getrommelt hat, um auf dem Weg zur Arbeit die A So-und-so vor dem üblichen 7 Uhr-Stau hinter sich zu lassen. Wo sonst auf der Welt, fragt sich der verschlafene Exil-Engländer, hätte man je von einem Stau um sieben Uhr morgens gehört?

Ja, die Deutschen sind aus englischer Sicht ein exzentrisches Volk. Sie sind geradezu eigenartig tolerant, zeigen einen erstaunlichen Mangel an Nationalstolz und eine tiefsitzende Skepsis gegenüber allem, was im Entferntesten nach Nationalstolz aussieht. Glaubt man Neil Deane, hält der Engländer vor allem Letzteres für therapiebedürftig.

Das großen Schweigen

Die seltsamste Eigenheit der Deutschen aber, so Deane, sei ihre Schüchternheit gegenüber Fremden. Der Deutsche an sich spreche einfach nicht mit Leuten, die er nicht kennt. An der Stelle schaut mich die neben mir sitzende Amerikanerin mit großen Augen an und flüstert: „How do you guys ever get married if you don’t talk to strangers?“. Gute Frage. Man könnte natürlich antworten, dass verbale Kommunikation generell in vielen, übrigens durchaus glücklichen, Ehen nicht über ein rudimentäres „Ich Tarzan. Du Jane.“ hinauskommt. Begegnen sich in Deutschland zwei Fremde aus unterschiedlichen Kulturkreisen, sagen wir ein bajuwarisches Dirndl und „’ne kölsche Jong“, könnte eine Beziehung allein durch „I Theres. Dua Jupp.“ initiiert werden. Mehr Worte braucht es zum Anbandeln nicht.

Aber stimmt es wirklich, dass sich Deutsche durch Schüchternheit und Schweigsamkeit gegenüber jedem auszeichnen, den sie nicht kennen? Sicher, der Deutsche redet nicht erst fünf Minuten übers Wetter, wenn er ein Hotelzimmer bucht, Essen bestellt oder seine Handtücher auf diversen Sonnenliegen verteilt. Einem Engländer mag das schmerzlich wortkarg vorkommen. Wenn jedoch ein Deutscher zu einer Buchpräsentation geht und am Eingang auf eine ihm unbekannte Amerikanerin trifft, ist er, ungeachtet seiner genetischen Disposition und kulturellen Prägung, tatsächlich in der Lage unaufgefordert Small Talk zu machen. (Sich hintereinander zu stellen, um eine Schlange zu bilden, ist für Deutsche hingegen eine weit größere Herausforderung.)

The Big Silence

Wagen wir also die Behauptung, dass die Deutschen es lieben mit anderen zu sprechen und zu schwatzen, egal ob man sich schon einmal begegnet ist. (Sie widersprechen übrigens auch leidenschaftlich gern, wann immer sie Gelegenheit dazu haben.) Wie erklärt sich dann aber die Einschätzung des Engländers? Eine mögliche Antwort gibt der ungarische Schriftsteller und Literaturprofessor Antal Szerb (1901-1945) in seinem Essay Warum der Engländer so schweigsam ist”. Ja, richtig gehört, nicht der Deutsche, der Engländer selbst ist das Problem! (Der Deutsche widerspricht nicht nur gern, er hat auch gern recht.)

Szerb selbst unterscheidet zwei Sorten Engländer: den einfachen, netten Typen von nebenan, der nach zwei Pints seine komplette Lebensgeschichte erzählt – und zwar so lange, bis der Pub schließt – und den wohlerzogenen, schweigenden Gentleman, der ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts überzeugt ist, „dass jeder anständige Mensch schüchtern und zurückhaltend sein sollte“ (S. 235). Schuld an dieser Einstellung – führt Szerb aus – seien die Puritaner, die britischen Privatschulen, der Imperialismus und natürlich … Arthur Conan Doyle, der mit der Figur des Sherlock Holmes einen einsilbigen Exportschlager und ein europäisches Bewusstsein für die englische Schweigsamkeit geschaffen habe.

Aus Szerbs ungarischer Perspektive sind es übersteigerte Bescheidenheit und Höflichkeit, die eine Unterhaltung mit einem wohlerzogenen Engländer schwierig machen: „Wir bezeichnen unsere Hundehütte mit Zwischenwand als Villa, sie [die Engländer] nennen ihr Schloss mit Park schlicht Landhaus.“ (S. 236). Ganz unmöglich werde das Gespräch schließlich, wenn man das englische Schweigegelübde bezüglich persönlicher Belange missachte: „Trifft man in Pest einen Bekannten, fragt der aus purer Freundlichkeit: „Wohin gehst du?“ In England kann ein solcher Zeitgenosse nicht erwarten, für einen Gentleman gehalten zu werden.“ (S. 231).

Fazit: Der Ungar hat Humor, der Deutsche recht and the rest is silence.

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IchliebteeineschöneFrau

Text:

Antal Szerb, “Warum der Engländer so schweigsam ist,” [Originaltitel: Miért hallgat azangol?] in Ich liebte eine schöne Frau. Miniaturen von Gyula Krúdy, Ernö Szép und Antal Szerb, ed. by Ernõ Zeltner (München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2011), 225-236

Illustrationen:

Anton Mauve, Shepherd and Sheep, c. 1880

Cover mit freundlicher Genehmigung von dtv.


 

Nadine Gordimers Land der Löwen

Nadine Gordimer, 1923 in der Nähe von Johannesburg geboren, gehörte über Jahrzehnte zu den Autoren, die mit ihren Büchern für ein besseres und gerechteres Südafrika eintraten. Als die Literaturnobelpreisträgerin am 13. Juli 2014 im Alter von 90 Jahren starb, nannte die FAZ sie eine „Chronistin des Umbruchs in Südafrika“ und der Spiegel würdigte sie als „unkorrumpierbare Kritikerin der Rassentrennung“. Im Folgenden werden zwei Kurzgeschichten vorgestellt, in denen Gordimer auf eindrucksvolle Weise ihre Gesellschaftskritik durch das Löwenmotiv zum Ausdruck bringt:

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