“Was liest du?” mit Jochen Malmsheimer

Es ist Halloween. Fröhliche Monster und feierfreudige Untote bevölkern die Straßen, beäugt mit steinernem Fledermausblick. Daneben schaut von der Fassade des Kölner Metropoltheaters ein Narr und Possenspieler auf die Besucher vor dem Theatereingang herab, die an diesem Abend auf knochenbleiche Schminke und Kunstblut verzichtet haben. Statt Gruselshow & Gänsehaut wartet auf sie nämlich eine Neuauflage der Lach- & Lesesendung “Was liest du?” von und mit Jürgen von der Lippe. Die Wiederaufnahme des bekannten Konzepts in zwei Sondersendungen kommentiert von der Lippe gewohnt ironisch: „Ich bin begeistert, dass der WDR dieses erzieherisch wertvolle und unterhaltsame kleine Format noch einmal aufleben lässt, zumal Schönheit und Jugend des Moderators gegenüber Witz und Buchwissen nachrangig sind”.

Metropoltheater-Fassadendetail1Wie üblich wird der Gast des Abends, der gemeinsam mit von der Lippe aus Büchern vergleichsweise unbekannter Autoren liest, ohne große Umschweife vorgestellt: Jochen Malmsheimer sei einer der wenigen Kabarettisten, dem – so von der Lippe – mit einem seiner humorigen Texte ein Eintrag in die deutsche Wikipedia gelungen sei – und zwar in der Kategorie Wurstbrot*.

(*Auf Youtube ist Malmsheimers Schimpfrede gegen das Sandwich bzw. den kulinarischen “Komposthaufen” unter dem Titel ‘Früher war alles besser’ übrigens für alle verfügbar, die schon immer von den Vorzügen urdeutschen Brotbelags überzeugt waren und denen das Thema nicht Wurst ist.) 😉

Zum Auftakt der Sendung gibt es zunächst ein wenig “Flohmarktpädagogik” für Anfänger. In der Kurzgeschichte aus Horst Evers Band “Wäre ich du, würde ich mich lieben” zieht ein Vater mit seiner Tochter los, um der Kleinen die väterliche Überlegenheit beim Feilschen um die besten Schnäppchen zu demonstrieren. Die Rechnung hat der Vater dabei allerdings ohne die resolut-renitente und rotzfreche Verkäuferin gemacht, der er am ersten Stand gegenübersteht und die sich in keinster Weise um seine sorgsam zurechtgelegten Verhandlungsstrategien schert. Die Geschichte ist lustig, gewinnt aber vor allem durch den Vortrag der Bühnenprofis von der Lippe und Malmsheimer. Zur Hochform laufen beide auf, als sie danach aus “Der Christkindlesmarkt in Nürnberg” lesen. Zwischen weihnachtlichem Tand und Scharen asiatischer Touristen grölt hier – nach dem Genuss von reichlich Glühwein – eine Gruppe Senioren zotige, aber originelle Verballhornungen deutscher Weihnachtslieder.

Weiter geht es mit “Klolektüre”, also Texten für zwischendurch, wie Florian Meimbergs Auf die Länge kommt es an: Tiny Tales. Sehr kurze Geschichten”. Er kommt mit maximal 140 Zeichen pro Text aus, was einer Twitter-Nachricht entsprechen würde. In dieselbe Rubrik gehört iDoof, youDoof, wiiDoof: Facebook-Autisten, Vampirbücher, Model-Mamas und alles andere, über das wir uns dringend lustig machen müssen” aus dem Ullstein Verlag, das als Spaß-Lexikon konzipiert ist. Hier wird allerdings doch die eine oder andere olle Kamelle präsentiert, besonders unter den Anmachsprüchen. Die dürfte vom Teenie bis zur Omi wirklich jedes weibliche Wesen schon einmal gehört haben, aber das Publikum bleibt bestens gelaunt, denn alle Textauszüge werden sehr pointiert vorgetragen und sind so kurz, dass kaum Zeit fürs Stirnrunzeln bleibt.

Von der Lippes erklärtes Lieblingsbuch ist “Gott bewahre” von John Niven. In der tabulosen Satire wird JC (Jesus Christus) von Gott dazu verdonnert, noch einmal auf die Erde zurückzukehren, um die Menschen an das oberste Gebot (“Seid lieb!”) zu erinnern. Der göttliche Spross ist verständlicherweise alles andere als begeistert und gerät gleich mit seinen Aposteln in einen blasphemischen Streit darüber, wessen Kreuzigung denn nun die grausamste gewesen sei…

Insgesamt setzen Jürgen von der Lippe und Jochen Malmsheimer mit der neuen “Was liest du?”-Folge also erneut auf einen bewährten Mix von Humor, der manchmal zahm und oft zotig, selten hintersinnig und häufig kackfrech ist.

 

Herzlichen Dank an die Redaktion des gleichnamigen Leseforums Was liest du? für die Einladung zur Sendung.


 Fotos:

Karmen Heup, Kölner Metropoltheater, Fassadendetails, 2014

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