PENG, POW, KABUMM – Pazifisten im Kinderzimmer

Lesetipp zu Ostern: Zwei kurze Satiren aus Großbritannien und Italien von Hector Hugh Munro (1870-1916), bekannt unter dem Pseudonym Saki, und Umberto Eco (*1932):

Osterhase und Weihnachtsmann haben es nicht immer leicht. Da sollen Geschenke her, die Kindergesichter zum Strahlen bringen, doch die Mienen streitbarer Erziehungsexperten verdüstern sich oft schon bei einem kurzen Blick auf Osternest und Gabentisch. Klingt das nach friedvollen Feiertagen? Vielleicht nicht. Aber nach dem Stoff, aus dem augenzwinkernde satirische Texte entstehen.

The Toys of Peace

In Sakis Kurzgeschichte The Toys of Peace soll Onkel Harvey auf Anweisung seiner resoluten Schwester die beiden Neffen zu Ostern mit pädagogisch wertvollem Spielzeug beglücken, nachdem deren Miniatursoldaten von mütterlicher Seite kurzerhand konfisziert worden waren. Harvey hat so seine Zweifel an dem neuen Erziehungsexperiment, ist jedoch entschlossen sein Bestes zu geben, um die Jungen für alternative Spielszenarien ohne PENG, POW und KABUMM zu begeistern.

Am Ostersonntag taucht er mit einer verheißungsvollen Schachtel im Kinderzimmer auf. Darin befindet sich tatsächlich einwandfrei pazifistisches Spielzeug, das selbst ausgesprochene Moralisten nicht unter Beschuss* nehmen könnten. (*Anmerkung der Redaktion: Den letzten Satzteil bitte streichen. Selbstverständlich würden überzeugte Moralisten ihre Kritik niemals durch eine so plumpe Kriegsmetapher zum Ausdruck bringen. Sie widmen sich vielmehr der Aufgabe, der Verrohung in unseren Kinderzimmern den Kampf anzusagen, indem sie die gesellschaftliche Sprengkraft eines auf dem Vormarsch befindlichen Problems aufzeigen, einen Kreuzzug für Moral und Ordnung führen und sich für Rededuelle rüsten, in denen sie ihre Gegner mit Argumenten bombardieren, bis auch der Letzte kapituliert und den Siegeszug des Pazifismus anerkennt. Hipp, hipp, hurra!)

Onkel Harveys Neffen jedenfalls reagieren erwartungsgemäß verhalten auf das neue Spielzeug. Die städtische Müllentsorgung sollen sie nachspielen oder den Gang der Bürger zur Wahlurne. Neue Helden sollen sie sich erschaffen, wie den Philosophen John Stuart Mill, den Onkel Harvey als Koryphäe in Sachen Politik und Wirtschaft preist:

That,” he said, “is a distinguished civilian, John Stuart Mill. He was an authority on political economy.”

Why?” asked Bertie.

Well, he wanted to be; he thought it was a useful thing to be.”

Bertie und sein Bruder Eric sind höflich genug nicht zu sagen, was sie von Harveys Helden halten. Als der Onkel weitere Spielfiguren hervorholt, die Mitglieder des Christlichen Vereins Junger Frauen darstellen, schöpfen die Jungen kurz Hoffnung:

Are there any lions?” asked Eric hopefully. He had been reading Roman history and thought that where you found Christians you might reasonably expect to find a few lions.“

Enttäuschenderweise hatte Onkel Harvey keine Löwen im Sinn und schon gar keine römische Arena. Bertie und Eric besinnen sich daraufhin ihrer bisher unerledigten Geschichtshausaufgaben, während ihr Onkel in der Bibliothek darüber nachsinnt, ob man wohl ein Geschichtsbuch für Grundschulkinder herausgeben könnte, das vorrangig ohne Schlachten, Massaker, mörderische Intrigen und gewaltsame Todesfälle auskommt.

Am Ende des Tages erkennt Onkel Harvey durch die spaltbreit geöffnete Kinderzimmertür, dass seine mitgebrachten Spielsachen inzwischen doch genutzt werden – wenn auch anders, als er sich das vorgestellt hatte…

Den kompletten Text der Kurzgeschichte gibt es im englischen Original als Project Gutenberg eBook und in sehr guter deutscher Übersetzung im Vorabdruck des Manesse Verlags aus der im März 2014 erschienenen Anthologie „Über den Feldern. Der erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur“. Sakis Geschichte, die vor dem ersten Weltkrieg entstand und posthum veröffentlicht wurde, nachdem er als Freiwilliger an der Front getötet worden war, ist auch nach über 100 Jahren immer noch aktuell, denn sie erinnert daran, dass Erziehung zum Frieden mehr bedeutet als die Verbannung von Kriegsspielzeug aus dem Kinderzimmer.

Brief an meinen dreijährigen Sohn

Herrlich komisch und unkonventionell setzt sich auch Eco in seinem „Brief an meinen dreijährigen Sohn“ mit dem Thema auseinander. Friedenserziehung, meint der erklärte Pazifist, funktioniere im Grunde nur mit dem Finger am Abzug. Der Grund: Kinder sollen lernen sich „kritisch in der Wirklichkeit zu bewegen“ (S. 57). Eine Tabuisierung von Gewalt hilft daher nicht weiter. Wenn Kinder mit dem Spielzeuggewehr durch Wohnung und Garten ziehen, erfinden sie eigene Geschichten und Beziehungen: „Du machst Peng mit dem Mund und entdeckst, daß dein Spiel so viel taugt, wie du selber hineinlegst und nicht schon vorfabriziert darin findest“ (S. 53). Sie kämpfen auf Seiten der Unterdrückten (vor allem wenn Papa Umberto mit auf den Kriegspfad geht, um die Indianer gegen die übermächtigen, landräuberischen Weißen zu unterstützen), setzen sich mit der Frage nach Gut und Böse auseinander und erkennen irgendwann spielerisch, dass die Grenze zwischen Gut und Böse in der Realität so einfach nicht zu ziehen ist. Mit der Zeit, so Eco, distanzieren sie sich sowohl von den Märchen als auch von den Kriegsspielen der Kindheit und beginnen zu hinterfragen. Daher ruft Eco nachdrücklich zum Misstrauen gegen Moralapostel auf und schreibt an seinen Sohn Stefano, dass er es kaum erwarten könne, dass dieser dem Kuscheltieralter entwachse, um ihm endlich ein umfassendes Waffenarsenal bescheren zu können:

Dann schenke ich dir Gewehre. Doppelläufige. Mit Repetiermechanik. Schnellfeuer- und Maschinengewehre. Kanonen. Bazookas. Säbel. Kriegsstarke Heere von Bleisoldaten. Burgen mit Zugbrücken. Festungen zum Belagern. Kasematten, Pulvertürme, Panzerkreuze, Düsenjäger, MPs, Dolche, Trommelrevolver, Colts, Rifles, Winchesterbüchsen, Chassepot-, Garand- und Mausergewehre, Mörser, Musketen, Haubitzen, Bombarden, Feldschlangen, Arkebusen, Ballisten, Armbrüste, Katapulte, Schwerter, Speere, Lanzen, Piken, Hellebarden, und Enterhaken.“ (S. 47f)

Die komplette Liste dieser besonderen Kinderausstattung findet sich in der Übersetzung von Burhkart Kroeber in Umberto Eco, Brief an meinen dreijährigen Sohn. In: Sämtliche Glossen und Parodien 1963 – 2000. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 1999. Titel der italienischen Originalsausgabe aus dem Jahr 1964: Diario minimo. Sehr zu empfehlen!


Literaturverzeichnis:

Eco, Umberto, Brief an meinen dreijährigen Sohn. In: Sämtliche Glossen und Parodien 1963 – 2000. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 1999.S. 47-57

Lauinger, Horst (Hg.), Über den Feldern. Der erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur. Zürich: Manesse Verlag, 2014

Saki, The Toys of Peace and Other Papers. Project Gutenberg eBook 2011 [transcribed from the 1919 John Lane edition]

Illustration: Karmen Heup, Kinderhände, 2014 

 

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