Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Über Cover, Klappentext und die Kunst der Irreführung

Letzte Woche brachte die Post ein Rezensionsexemplar des Blessing Verlags ins Haus. Robin Sloans vor Kurzem in deutscher Sprache erschienener Roman „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ verspricht eine geheimnisvolle Geschichte um einen kauzigen Buchhändler in San Francisco, der in seinem Laden nur wenige, angestaubte Bücher verkauft. Der größere Teil der Räume dient als düstere Bibliothek, in der sich Regale in schwindelerregende Höhen erheben – allesamt voller unverkäuflicher, handgefertigter Bände, die nur von den Mitgliedern eines mysteriösen Klubs entliehen werden dürfen. So weit, so spannend.

Die ersten Seiten aber genügen, um zwiespältige Erinnerungen an einen Kinoabend vor ein paar Jahren wachzurufen: Mit Freunden sehe ich „Cast away“ mit Tom Hanks in der beeindruckenden Rolle eines auf sich gestellten Schiffbrüchigen. Der Mittelteil des Films ist einfühlsam gespielt, eindringlich und ungekünstelt, so dass man weder Worte noch Filmmusik vermisst. Anfang und Ende in der sogenannten zivilisierten Welt allerdings werden zur Geduldsprobe. Der Grund: Der Film ist mit FedEx-Werbung gepflastert. An jeder Ecke begegnet man FedEx-Zustellern, die in FedEx-Lieferwagen an FedEx-Plakatwänden vorbei brausen und FedEx-Päckchen hinterlassen. Fed up mit diesem Nonsense veranstaltet man also zusammen mit dem halben Kino einen Zählwettbewerb: Wie oft kommt das böse F(edEx)-Wort auf der Leinwand vor und wer sieht’s zuerst? Das allein hebt die Stimmung und verhindert einen tödlichen Zwischenfall, wenn irgendwann zu Hause ein nichtsahnender FedEx-Bote zweimal klingelt…

Im ersten Roman von Robin Sloan, der da im Briefkasten gelandet ist, geht es ähnlich zu. Eingangs trifft der Leser auf einen Webdesigner, der seinen ersten Job während der letzten Wirtschaftskrise verloren hat; ein junger Kerl, der auf dem Sofa in seiner WG herumgammelt, gelegentlich ein paar Kumpel trifft und gern eine Freundin hätte; ein Durchschnittstyp, der zufällig in Penumbras Buchhandlung stolpert und dort als Aushilfe anheuert, um seine Miete zahlen können. Man könnte ihn jedoch auch im Stil des Autors beschreiben: Ein Webdesigner, der sich unter Googlern und Ex-Googlern bewegt, Google-Mails verschickt, Google Ads, Google Books, Google Maps und Google Streetview für großartig hält, zwischendurch kurz Twitter, Facebook und Kindle erwähnt, um den Leser daraufhin gleich wieder unumwunden an die Genialität von Google, Googlern und Ex-Googlern zu erinnern.

Ohne das ganze Google-Geschwafel könnte es eine unterhaltsame Geschichte sein. Die Kritik wäre vielleicht auch weniger harsch, wenn Cover und Klappentext nicht „ein spannendes literarisches Rätsel und ein inspirierendes und philosophisches Buch voller einzigartiger Charaktere und visionärer Ideen“ verheißen würden. Demgegenüber steht im ersten Teil des Buches schlicht eine Hauptfigur, die Google gut findet – und übrigens auch Bücher über Vampir-Cops. Philosophisch, visionär oder literarisch ist das nicht.

Von spannenden Fragen und allzu simplen Antworten

Wie wird die digitale Revolution das Dasein künftiger Generationen beeinflussen? Wurden die wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zweihundert Jahre durch Literaten bewirkt und ist es nun an der Zeit, dass Programmierer sie als neue Visionäre ablösen? – Diese Fragen könnten Ausgangspunkt einer ausgesprochen spannenden Auseinandersetzung mit einer Welt des Wandels sein, die uns in eine nur schwer vorstellbare Zukunft führt.

Leider haben die Fragen nach dem Einfluss der Digitalisierung in Robin Sloans Roman lediglich den Status flüchtiger Randnotizen. Zwar wird erwähnt, dass das Konzept der romantischen Liebe und unsere Haltung zur Privatsphäre wesentliche Neuerungen des 18. Jahrhunderts sind, die, historisch betrachtet, unsere Gesellschaft noch nicht sehr lange prägen. Weitergehende Überlegungen darüber, wie grundlegend (Wert)Vorstellungen prä-digitaler Epochen unser Leben heute und in Zukunft bestimmen, gibt es aber nicht.

Ein wenig Nachdenklichkeit hätte dem Roman zweifellos nicht geschadet. Sollte beispielsweise das Urheberrecht – ebenfalls eine ‘Erfindung’ des 18. Jahrhunderts – weiterhin geschützt werden, weil es in der Vergangenheit zu einem enormen Wissenssprung beigetragen hat oder sollten kreative und wissenschaftliche Leistungen Teil eines allgemein zugänglichen, kollektiven Wissenskorpus werden? Inwieweit wäre eine solche Demokratisierung von Wissen überhaupt möglich? Das sind überaus aktuelle Fragen, die kontrovers diskutiert werden. Nur eben nicht in diesem Roman. Hier lernen wir, dass Google “hammermäßig” und die Verfolgung von E-Book-Piraterie empörend ist. Ende. Wer weiterdenkt und mehr als anspruchslose Unterhaltung sucht, sollte Penumbra & Co. ungelesen zurück in die Buchhandlung tragen.


Text:

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra. München: Blessing Verlag, 2014

Illustration:

Matthias Kabel, Letters of the typeface “Optima”. (Licensed by Wikimedia Commons under the terms of the GNU Free Documentation License, Version 1.2.)

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